Andreas G. Förster

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Bücher sind zu teuer!

In La traduction on 2010-06-16 at 9:03 pm

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich George Orwell in einer Feuersicherheitswache in Gesellschaft von Arbeitern und einem Freund, dem Chefredakteur einer Zeitung. Man kam auf die Zeitungen zu sprechen, die man las und schätzte.

Als unsere beiden Intellektuellen die Arbeiter fragten, was sie vom Feuilleton hielten, antworteten diese: „Sie glauben doch nicht etwa, daß wir das Zeug lesen, oder?“ Lag das daran – so könnte ein Leser meinen, der Orwells Kommentare über die Vorgänger von Le Monde des livres etc. kennt –, dass diese Seiten schon damals beschämend dürftig waren? Ganz und gar nicht. Die Arbeiter fuhren fort: „Sie reden doch die Hälfte der Zeit von Büchern, die zwölf Schillinge und Sixpence kosten …“, das können wir gleich übersetzen: zwischen 15 und 20 Euro, „Unsereins kann nicht zwölf und Sixpence für ein Buch ausgeben.“

George Orwell macht sich also daran, die weitverbreitete Auffassung, „der Kauf oder sogar das Lesen von Büchern sei ein teures Hobby und für den Durchschnittsmenschen unerschwinglich“ (1), zu überprüfen. Orwells Analyse stellt sich immer dann als höchst aktuell heraus, wenn man als Verleger seinen Lesern auf eine der meistgestellten Fragen antworten möchte.

Im Zuge seiner „etwas genaueren Untersuchung“ zählt der Schriftsteller die Bücher seiner Bibliothek ebenso wie die ausgeliehenen, er zählt ferner die geschenkten und die Rezensions- und Freiexemplare, etc. Er schätzt seine Lektüre der vergangenen 15 Jahre schließlich „auf fast 9 Schilling 9 Pence pro Woche, und gegenwärtig entsprechen 9s 9d ungefähr 83 Zigaretten (Players)“. Dieser Vergleich funktioniert auch unserer Tage noch: Von der Ausgabenseite her betrachtet, verbrennt ein mittelstarker Raucher wie Orwell einer war ein gutes dickes Buch pro Woche, also in etwa 50 Titel pro Jahr; damit hat ein mittelstarker Raucher schon das Format eines Viellesers.

Der britische Schriftsteller vergleicht sodann die statistisch ermittelten Anteile einerseits des Alkohols und andererseits der Bücher am Haushaltsbudget. Der Anteil des Alkohols ist offensichtlich höher.

Weiter denkt Orwell nach über die Beziehung zwischen dem „Preis eines Buches und dem Gewinn, den man aus seiner Lektüre zieht,“ und zeigt die Schwierigkeiten auf, will man die „Lesekosten“ bestimmen. So zum Beispiel gibt es ja neben Romanen, Gedichten und wissenschaftlichen Abhandlungen auch etwa Wörterbücher, in denen „man dann und wann während einer Zeitspanne von zwanzig Jahren etwas nachschlägt. Es gibt Bücher, die man immer wieder liest, […] Bücher, die man flüchtig durchblättert, aber nie ganz durchliest, Bücher, die man in einem Zug liest und eine Woche später vergißt: und die Kosten können, finanziell ausgedrückt, in jedem Fall die gleichen sein.“

Um dennoch zu einem Vergleich zu gelangen, beschränkt sich der Schriftsteller darauf, Bücher „lediglich als Unterhaltung“ zu betrachten und mit einem Kinobesuch gleichzusetzen. Mit heutigen Preisen gerechnet, ergibt dies: Angenommen 15 Euro pro Buch und fünf Stunden Lektüre, macht drei Euro pro Stunde… damit bekommt man keinen Platz in einem Film, der lange zwei Stunden geht. Drei Euro kommt aber, so könnte man einwenden, in etwa hin, um eine DVD auszuleihen. Dieser Einwand aber geht fehl, denn Sie haben die Amortisierung der Materialkosten nicht einberechnet; damit der Vergleich standhielte, müsste man die Ausleihe aus einer Bibliothek heranziehen, und die kostet fast nichts.

Schlussfolgernd kann man, mit Orwell, erklären, dass „das Lesen eine der billigeren Formen der Unterhaltung ist: nach dem Radiohören wahrscheinlich die billigste“. Und doch, nach einer (sehr näherungsweisen) Schätzung des Budgets, das die britische Bevölkerung damals auf Literatur verwandte, gelangt unser Hobby-Soziologe zu verschwindend geringen Summen: In England gibt man nicht viel aus für Bücher.

Wie jene von George Orwell damals, so beruhen auch meine Zahlen nur auf „reinen Vermutungen“. Sicher, heutzutage könnte man sie leicht feststellen, wo doch die staatlichen Statistikinstitute solche Daten bereitstellen. Aber wäre die Abweichung für unsere Beweisführung wirklich von Bedeutung? Ich glaube nicht. Wie sagte der Brite Orwell doch über sein Land: „wenn meine Schätzung auch nur annähernd stimmt, ist dies kein sehr stolzes Ergebnis für ein Land, in dem beinahe 100 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben können und der Normalbürger mehr für Zigaretten ausgibt, als ein indischer Bauer für seinen ganzen Lebensunterhalt hat. Und wenn unser Bücherverbrauch so niedrig bleibt, wie er es bis jetzt gewesen ist, so laßt uns doch zumindest zugeben, daß dies deshalb ist, weil Lesen ein weniger interessanter Zeitvertreib ist, als“, um die Aufzählung zu aktualisieren, Kino, Fernsehen, Sport und das nächtliche Ausgehen in Bars oder Clubs. Deshalb, „und nicht, weil Bücher, ob gekauft oder geliehen, zu teuer sind.“

Wenn man also den Aberglauben von den teuren Büchern leicht zerstreuen kann, muss man doch zugeben, dass es sich hierbei um ein Problem anderen Kalibers handelt als das ihrer angeblich geringeren Attraktivität als Zeitvertreib.

Thierry Discepolo,
Éditions Agone, Marseille.

[1] Nachzulesen in einem Text, erschienen unter dem Titel « Livres contre cigarettes » am 8. Februar 1946 in den Spalten der Tribune (französische Ausgabe). In: George Orwell, Essais, articles, lettres. Ivréa-Encyclopédie des nuisances, volume IV, 1995, p. 116-121. Deutschsprachige Übersetzung unter dem Titel „Bücher kontra Zigaretten“ in: Fritz Senn (Hg.), Das George Orwell Lesebuch. Aus dem Englischen von Tina Richter. Diogenes Verlag, Zürich 1981, S. 282-287.

Originaltext auf dem Blog von Agone : Les livres sont trop chers !

Bücher sind zu teuer!

In La traduction on 2010-06-16 at 12:21 am

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich George Orwell in einer Feuersicherheitswache in Gesellschaft von Arbeitern und einem Freund, dem Chefredakteur einer Zeitung. Man kam auf die Zeitungen zu sprechen, die man las und schätzte.

Als unsere beiden Intellektuellen die Arbeiter fragten, was sie vom Feuilleton hielten, antworteten diese: „Sie glauben doch nicht etwa, daß wir das Zeug lesen, oder?“ Lag das daran – so könnte ein Leser meinen, der Orwells Kommentare über die Vorgänger von Le Monde des livres etc. kennt –, dass diese Seiten schon damals beschämend dürftig waren? Ganz und gar nicht. Die Arbeiter fuhren fort: „Sie reden doch die Hälfte der Zeit von Büchern, die zwölf Schillinge und Sixpence kosten …“, das können wir gleich übersetzen: zwischen 15 und 20 Euro, „Unsereins kann nicht zwölf und Sixpence für ein Buch ausgeben.“

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